Wired is tired

Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass demnächst eine deutschsprachige Ausgabe des WIRED-Magazins erscheinen sollte. Erster Wermutstropfen war hierbei, dass die WIRED als Gimmick zur GQ erhältlich sein sollte. Man musste also das Fachblatt für angewandte Oberflächlichkeit erwerben, um an die WIRED zu gelangen. So weit, so schlecht. In meinem Urlaub in Griechenland dann entdeckte ich das GQ/WIRED-Bundle und griff zu. Die GQ dann am Strand innerhalb von knapp 20 Minuten durchgeblättert, außer ein paar wohlgeformten Brüsten war da nix von Belang.

Das eigentliche Objekt der Begierde dann in den Händen war ich schon relativ gespannt, was mich erwarten würde. Und ich wurde enttäuscht. Ich habe keinen Artikel mit „Aha“-Effekt gelesen und mich auf Twitter schon über die WIRED als GQ für Technikfreaks ausgelassen: oberflächlich, dumm und unkritisch.

Alleine schon die auf dem Titel angeteaserten Themen sind erbärmlich umgesetzt. „Deutschland 2022 – Nach der Energiewende“ ist am Ende nur eine Fotostrecke mit Aufnahmen aus Kraftwerken und deren Kontrollzentren. Ich hatte hier eigentlich einen Ausblick auf die Zeit nach dem Atomausstieg erwartet oder eine Pro/Contra-Diskussion. Weiter geht es mit dem so genannten Darknet, also den richtig üblen Ecken im Internet, wo man nicht ohne Weiteres hinkommt und der einem den Kauf von Drogen, Waffen und Co. ermöglicht. Also genau die Form von Internet vor dem uns die Politik warnt. Eine ganze Seite Text wird dem Thema gewidmet, am Ende wissen wir, dass es solche Sachen gibt und die WIRED-Redaktion hat zudem total investigativ eine Ladung Drogen geordert.

Anschließend widmet man sich Badoo, dem „Sexual Network“, ein Netzwerk, welches nur dazu dient, sexuelle Kontakte anzubahnen. Gut, anders kann man die Leser der GQ wohl nicht dazu bewegen, einen Blick in die WIRED zu werfen. Da muss man schon auf dem Titel ganz laut „FICKEN“ schreiben. Zentrales Thema der Ausgabe ist „Deutschland den Geeks“. Chefredakteur Thomas Knüwer lobt die Innovationskraft der Geeks und betreibt die schon übliche Schelte der so genannten „German Angst“, mit der die Eliten sich gegen Fortschritt und Innovation stemmen. Am Ende leidet die Wirtschaft, das ist das zentrale Argument von Knüwers Elaborat, welches dann in die Vorstellung führender deutscher Startups und Denker übergeht. Da wird Sandro Gaycken dann auch mal als nicht dem Typ „Lieblings-Schwiegersohn“ entsprechend vorgestellt und mit seiner Harley abgelichtet. Achja, zum Thema „Cyberwar“ darf er auch mal was sagen. Oder ein paar nach London abgewanderte Gründer schmeißen sich top-gestylt vor die Kamera.

Darüber hinaus noch ein paar Kolumnen (u.a. from Notorious Lobo), 6 Seiten als redaktionelle Inhalte getarnte Werbung sowie noch seitenweise Gadgetvorstellungen. Ach und der Technik-Evangelist Jeff Jarvis darf auch mal was sagen. Glücklicherweise bekommt er keinen Platz für seinen ewig gleichen Sermon („Die Deutschen machen sich wegen der Privatsphäre ins Hemd, aber zeigen sich in der Sauna gegenseitig die Genitalien.“), sondern für einen Vergleich zwischen modernen Startups und Johannes Gutenberg.

Ich werde mal ein paar Ausgaben abwarten, sofern die Zeitschrift lange genug am Markt bleibt. Leider ist diese Erstausgabe in meinen Augen völlig uninteressant. Es gibt im Bereich Internet/Technologie viele interessante Themen, die man vor allem auch mal kritisch beleuchten könnte, d.h. Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen, Pro und Contra-Positionen darstellen. Die Energiewende wäre da ein Ansatzpunkt gewesen, die Biotechnologie oder auch Entwicklungen im Internet (Privatsphäre/Appkultur/usw.). Vielleicht werden diese Themen in den nächsten Ausgaben auf eine interessante Art aufgegriffen. Ansonsten ist die WIRED leider uninteressant.

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